Gustl und Luise schreiben sich wieder Briefe

Ich weiß schon lange um diese Briefe. Ich habe schon einmal angefangen, sie anzugehen, wie ich an ein paar karierten DIN A 5-Blättern sehe, auf denen ich in meiner archivarischen Akribie alle Briefe und ihre Daten schon einmal aufgelistet hatte, wann das war, weiß ich allerdings nicht mehr.

Ich drücke mich davor, vordergründig habe ich ein sehr gutes Argument, weil es über 100 Briefe sind und Luises Schrift sich in den 20 Jahren seit der ersten temporären Trennung von ihrem damals geschäftsreisendem Gustl nicht besser geworden ist. (Die Briefe von damals sind hier zu finden: Gustl Weidemann und Luise Kiesl – Briefe aus dem Jahr 1920). Ich hatte damals bei diesen Briefen Schwierigkeiten, ihre Schrift zu lesen, weil sie ordentliches Sütterlin schrieb, und jetzt – also 1939 und 1940 schreibt sie ein lateinisch verwässertes, aber undeutlicheres Sütterlin, das macht es nicht leichter. Sie schreiben sich nun wieder, weil sie wieder getrennt sind, diesmal nicht, weil Gustl Geld verdienen möchte auf Reisen, sondern weil er eingezogen worden ist als Soldat im 2 Weltkrieg.

Dieser Brocken des zähen Lesens, der mir im Weg steht, ist allerdings auch ein Vorwand, weil ich spüre, dass sie mir zu nahe kommen könnten. Es geht nicht mehr um den schrägen Willi oder den kriegerischen Konrad, die in meinem echten Leben keine besondere Rolle spielten, sondern um meine Großeltern, in deren Karwinkel-Haus ich quasi von Geburt an aufgewachsen bin. Bei denen ich die Wärme und Zugewandtheit gefunden habe, die ich bei meiner eigenen Mutter vermisst habe. Hier kommen sich das historische Zwischenreich und das psycho-analytische Zwischenreich, das ja viel in meiner Kindheit stattfindet, zusehends nahe und das zuzulassen ist nicht so einfach, es treibt mich um.

Und noch mehr bedrängt mich die Nähe, die ich dort vermute, wenn sich ein Ehepaar mit zwei Söhnen schreibt. Die Briefe stammen aus den Jahren 1939 und 1940, also sind die beiden 39 bzw. 38 Jahre alt, mitten in der Zeit, die man heute Rushhour des Lebens nennt. Gustls und Luises Söhne sind 9 Jahre auseinander, zu der Zeit 11 und 2 Jahre alt. Meine Söhne sind 10 Jahre auseinander. Ihr Otto ist mein Max, und ihr Peter mein Peter, der den Namen von seinem Großonkel geerbt hat. Weil er sich als Geburtstag denselben Tag rausgesucht hat, gehört ihm auch der Name. Also könnten sie mir zu nahe kommen, weil ihre Erzählungen meinem Familienleben gleichen könnten. Ich erinnere mich, dass ich beim ersten Versuch, diese Briefe zu lesen und abzutippen (heute nennt man das „digitalisieren“), genau davor zurückschreckte, mehr als vor der zu erwartenden Mühe. Mein erster Eindruck war zudem, dass es in diesen Briefen um sich wiederholende Gegebenheiten, Geschäftliches und Alltäglichkeiten ging, die wohl von keinem allgemeinen Interesse sein würden. Und das schien mir auch so, als ich jetzt wieder anfing, mich einzulesen.

Doch dann habe ich den ersten Brief entziffert und neben lautem Gelächter gemerkt, dass vielleicht grade die Alltäglichkeit der wahre Schatz sein könnte. Deshalb nun, weil es ein bisschen dauern könnte, bis ich alle Briefe – es sind wirklich mehr als hundert! – ins Word-Dokument gepresst habe, gibt es jetzt hier die Sneak Preview genau des Briefes, der mich überzeugt hat, dass wir uns das nicht entgehen lassen dürfen.

Gustl ist, wie viele seines Jahrgangs wenige Tage vor Kriegsbeginn am 26. 08. 1939 eingezogen worden und ab Februar 1940 in Sankt Georgen in der Nähe des Chiemsees stationiert:

St. Georgen, den 7. März 1940
Donnerstag 9h abends

Liebste Luise!

Habe gestern Deinen Brief erhalten, mit der Aufforderung des Wehrmeldeamtes. Leider ist es nicht möglich durch solche Aufforderungen einen Urlaub zu erhalten, da diese Angelegenheiten die Kompanieleitung erledigt, denn es handelt sich hier wohl um einen Irrtum, da als Adresse meine Zivilwohnung angegeben ist, und in diesem Falle die Annahme bestanden hat, daß ich noch nicht eingezogen bin.

Ein ungewöhnlicher Anfang. Eigentlich fängt jeder Brief, egal ob von Gustl oder von Luise, damit an, dass man sich herzlich für den erhaltenen Brief bedankt und erklärt, dass man sich sehr drüber gefreut hat. Dass Gustl es hier nicht macht, zeigt, dass der Brief vom Wehrmeldeamt nicht nur Luise in Unruhe versetzt hat.

Es ist also diese Hoffnung ins Wasser gefallen. Leider!!! Aber ich hoffe, daß ich doch in nächster Zeit einen Urlaub bekomme, denn allmählich kommen auch wir an die Reihe. Schreib mir einen Brief in dem Du mit mitteilst, daß für beide Geschäfte die Umsatzsteuer wie die Einkommensteuer & Gewerbesteuer & Vermögensteuererklärung so bald wie möglich erledigt sein muß. Schreibe, daß Du am Finanzamt Mü. Land warst und diesen Bescheid erhalten hast und daß Du in Steuersachen nichts erledigen kannst und ich unbedingt schauen muß.

Eine Thematik wird allerdings in bald jedem Brief verhandelt: Wann und wie Gustl an einen Urlaub kommen kann. Urlaub für den Soldaten bedeutet allerdings im Allgemeinen, dass Gustl von Samstag Abend bis Sonntag Abend Ausgang hat. Ein ganzes Wochenende frei ist kein Konzept der Wehrmacht.

Habe an meine Mutter immer noch keinen Brief geschrieben, da ich alle möglichen Arbeiten habe und die momentan zur Verfügung stehende Zeit für wichtigeres brauche.

Seine Mutter, die Konradine, die uns auch bekannt ist, ist ein Dauerthema bei den beiden, ein schwieriger Fall.

Habe heute nachmittag auch Deinen anderen Brief erhalten, der vom Montag 4.3. datiert ist. Es freut mich, daß dir Herr Pfeiffer helfen will & hoffe, daß er Dir auch wirklich helfen kann, dann ist mir ein Stein vom Herzen. Das ist mein größter Kummer, daß ich dich meine kleine, liebe Luise mit allem so allein lassen muß und so gar nichts für Dich tun kann. Hoffentlich geht es mit der Zeit etwas besser oder ich bekomme einmal einen längeren Urlaub.

Und auch das merkt man in fast jedem Brief, sie sorgen sich umeinander, sie sind einander zugewandt.

Die Versicherung ist vorerst bezahlt, die Du mir geschickt hast. Und wenn eine neue Mahnung kommt, dann schicke mir dieselbe zu, dann werde ich’s erledigen. Sollte ich keinen Urlaub bekommen, dann können wir uns am übernächsten Sonntag wieder treffen, denn da komme ich voraussichtlich wieder so wie den letzten Sonntag aus der Wache und wir könnten unser Stelldichein wieder so arrangieren wie das letzte Mal und ich freue mich schon heute darauf, Dich mein Liebling wieder bei mir zu haben und so ganz allein zu sein um einige gewohliche Stunden zu verleben.

Und sie gestehen sich ihre Sehnsucht aufeinander auch fast jedes mal. „Gewohlich“ ist eines der Wörter, auf dass ich mich mit mir geeinigt habe, weil ich nichts anderes entziffern kann. In diesem Fall bin ich allerdings ganz glücklich damit, das Wort spricht für sich.

Kauf dem Otti nur einen Anzug und zwar das Beste, was Du kriegen kannst. War heute auf Wache und bin in der Früh um ½ 5 wieder zum Milchholen gegangen & habe auch etwas Butter bekommen.

Auch dieser Bruch in der Thematik, oft ohne dass sie einen neuen Absatz anfangen, ist typisch, für beide. Da erwarte ich bei meinen Lese-Versuchen, wenn ich erst den gesamten Satz verstehen will, bevor ich mich den hakeligen Wörter zuwende, dass es immer noch um das gleiche Thema geht und dann kommt was komplett anderes. Sie schreiben einfach das auf, was ihnen als nächstes in den Sinn kommt.

Morgen ist großer Tag bei uns, es kommt ein hoher Herr General, aber deswegen mussten wir doch ab Mittag wieder auf Wache aufziehen und der gleiche Tanz geht weiter wie sonst. Es war heute großes Reinemachen mit Besen 6 Putzlappen aber ohne Seife. Eben habe ich mit meinem Fußbadewasser mitsamt dem Dreck- & Schweißinhalt dem Unteroffizier sein Zimmer herausgeputzt und den Tisch abgewischt. Prost Mahlzeit, ihm graust vor nichts und mir solls recht sein.

„Direkt aus dem Leben gegriffen“ muss man hier wohl sagen. Die Briefe sind voll von diesen kleinen Alltagsbegebenheiten, die mir mehr über eine Zeit erzählen, als es jedes Geschichtsbuch könnte. Ich gebe zu, dass es eine besonders schön eklige Szene ist, aber es gibt noch einige Schmankerl, versprochen.

Nun, meine liebe kleine Luise, küsse ich Dich in Gedanken so innig wie es geht und bin im Traume bei Dir meine geliebte Luise. Ich grüße dich herzlichst bis auf ein baldiges frohes Wiedersehen, auch Grüße an alle, dein dich liebender Gustl

Es ist so eine Freude, zu sehen, dass sie einander so zugewandt sind. Sie sind seit 16 Jahren verheiratet, haben zwei Söhne, zwei Geschäfte und zwei unterschiedlich anstrengende Mütter im engen Umfeld und freuen sich aufeinander wie frisch verliebte Backfische.

Ich wünsche für Dich, daß keine Flieger mehr kommen, und hoffe, daß es nur ein Probeschießen war, bei uns war nichts zu hören.

Hier ist schon alles enthalten, was die Faszination dieser Briefe für mich ausmacht und das mich seit Tagen, jeweils wesentlich länger als meinen Beinen gut tut, darüber gebeugt sitzen lässt mit Lupe, Ausdruck der Sütterlin-Buchstaben als Vorlage und einem hellblauen Farbstift, um die unentzifferbaren Stellen markieren zu können. Es sind grade die alltäglichen Probleme der Führung des Textilwarengeschäfts, die fehlgeleitete Bürokratie, die sich wiederholenden Versuche, auf irgendwelchen Wegen doch Urlaub von der Truppe zu bekommen und den Einschränkungen, die es mit sich bringt, sich nur brieflich austauschen zu können. Und natürlich die Zugewandtheit in der Liebe.

Die Detailgenauigkeit, mit der Gustl die Vorgehensweise beim Putzen der Stube beschreibt, ist ein Highlight, aber nur eine von vielen Alltagsszenen, die mich diese Zeit besser begreifen lassen als jede Geschichts-Doku auf phoenix.

Und daneben ist es eine Art Verpflichtung. Ich habe diese Briefe in Onkel Peters Schreibtisch gefunden, nachdem er gestorben war, Er hatte die Briefe seiner Eltern 60 Jahre lang in seinem Schreibtisch aufbewahrt. Warum? Zwischen seinen geschäftlichen Unterlagen der Fa. Henkel und verschiedensten Theaterstücken des Millionendorftheaters, wo er jahrzehntelang die Hauptrolle abonniert hatte, war jetzt nicht so viel überflüssiger Platz. Es war schon ein bisschen Zufall, dass sie mir in die Hände gefallen sind und jetzt, nochmal 20 Jahre später, erkenne ich diesen – hm – historischen Moment.

Ich muss es machen, ich bin die Einzige, die diese Briefe ins Zwischenreich holen kann. Ich bin die, die sie zum Leben erwecken kann, weil ich sie noch gekannt habe und es mir deswegen die Mühe wert ist, trotz meines verschwommenen Blicks durch das verwischte Bleistiftgekritzel auf kariertem Papier in ihr Leben hinein zu tauchen. Ich habe Erinnerungen an das Geschäft, an die Räume, in denen Luise gesessen sein mag, während sie diese Briefe geschrieben hat, und vor allem habe ich Erinnerungen an die beiden.

Und hier sind sie, endlich komplett:

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