Zwischen Theresienhöhe und Sendlinger Tor

Was war denn eigentlich mit der Generation meiner Großeltern, bevor Opa Gustl den Karwinkel in Obermenzing gekauft hat?

Nach dem 1. Weltkrieg lebten sie alle in München, Schwanthaler Höhe und Ludwigvorstadt. Willi hatte im Mai 1916 in der Thalkirchnerstraße 14, 4. Stock links eine Wohnung aufgetan. Als ich seine Tagebücher gelesen habe, wunderte ich mich darüber, dass der Telegrammbote sich eine 3-Zimmer-Wohnung leisten konnte, „die sehr schön, hell, luftig“ ist. Die Küche mit Kammer und ein großer Gang, wie er schrieb. Das war so selbstverständlich die Wohnung für seine Familie, dass er es nicht erwähnen musste, das er dort nicht alleine eingezogen ist: Er, der 18-Jährige wohnt dort mit seiner Mutter Konradine, die im Jahr zuvor eine Stelle als Assistentin bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse gefunden hatte und den 16-jährigen kleinen Bruder Gustl, der schon dabei war, sich als Dekorateur einen Namen zu machen. Der Vater – auch ein Wilhelm – war schon 1913 gestorben und Willi, den ich mir als zwar höchst kreative, aber brotlose und nicht sehr lebenstüchtige Künstler-Existenz vorstelle, ist also quasi das Weidemannsche Familienoberhaupt und regelt das mit der Wohnung.

Als er zum Kriegsdienst einberufen worden war, hatte er am 27. September 1916 in sein Tagebuch geschrieben:

„Am liebsten möchte ich nun 4 Jahre lang die Schlafkrankheit kriegen, um dieser Schinderei zu entgehen. Doch ich werde mich wacker halten. Täglich Turn- Exerzier- und Reitübungen eventuell kleinen Rippen- oder Schienbeinbruch, denn zu was hat man denn schließlich seine Gebeine. Fleißig danebenschießen. Wird schon gehen.

Die Hauptsache ist, wenn Konrad und ich beisammenbleiben können. So einen Freund finde ich wohl in meinem ganzen Leben nimmer. Und unsere Freundschaft schwächt nicht ab. Im Gegenteil. Wir verstehen einander täglich besser, wenn dass überhaupt noch möglich ist. Und gerade in diesen jetzigen Verhältnissen weiß man das zu schätzen. So fest und kräftig als jetzt – gerade jetzt – drückten wir uns selten die Hände zum Gruß oder Abschied.“

Wilhelm Weidemann – Mein Intimes

Dieser Konrad ist Konrad Kiesl, Luises Bruder, und sie leben zu dieser Zeit mit ihrer Mutter Anna in der Schießstättstraße 12, der Vater – auch ein Konrad – ist schon 1907 gestorben. Irma, die 1908 geborene uneheliche Tochter Annas aus einem Bratkartoffelverhältnis mit einem Untermieter, ist von der Pflegefamilie zurück und lebt zu dieser Zeit auch wieder bei ihnen. Der Herr Lürtzing, der Annas zweiter Mann werden wird, ist auch schon da, vielleicht wieder ein Untermieter? Ernst Lürtzing kommt aus Lauscha in Thüringen und soll ein Kommunist gewesen sein, der in der Gewerkschaftsbewegung aktiv war, so hat es mir mein Vater mal erzählt und glücklicherweise habe ich mir das damals aufgeschrieben, ich hatte es lange vergessen. Zu dieser Zeit scheint er eher Luise nachzustellen, wie man aus Gustls Briefen herauslesen kann. Luise arbeitet ab 9. 07. 1918 als Bürogehilfin bei der Reichsbahndirektion, nachdem sie vorher von Oktober 1915 bis Ende 1917 bei M. Schneider am Karlsplatz als „Lernende und seitdem als Verkäuferin“ gearbeitet hat, sie war also mit 14 Jahren ins Berufsleben gestartet.

In beiden Familien fehlt der Vater, die Mütter schlagen sich durch, die Kinder haben vermutlich alle schon früh angefangen, zu arbeiten. Und in beiden Familien sind die Kinder die erste Generation, die in München geboren sind. Beide Väter waren das gewesen, was man „Zuagroaste“ nennt, Wilhelm von der Ostsee aus Damgarten/Ribnitz, Konrad immerhin aus dem bayerischen Traunstein, lediges Kind einer Wirtsköchin und angeblich sehr dick. Immigranten also, wie sie auch heute noch in dieser Ecke von München leben.

Die drei jungen Männer, Konrad, Willi und Gustl, waren alle im Krieg oder Militärdienst gewesen, den Gustl haben sie noch im Juni 1918 mit grade mal 18 Jahren eingezogen (bis Ende November) und dann nochmal von Mai bis Oktober 1919 in den Militärdienst „nach dem Kriege“. Wie Willi über den Kriegsdienst dachte, liest man ja ausführlich in seinem Tagebuch, August sieht auf dem Foto in Uniform nicht gerade begeistert drein und Konrad ist eine andere Geschichte, seine Briefe muss ich erst noch entziffern, aber ein Bild hab ich doch gefunden.

Willi Weidemann als Soldat unterm Baum mit Gesellschaft, er ist der mit der Brille, 2. von rechts
August Weidemann, unglücklich
Konrad Kiesl, gerüstet

Die Zwanziger Jahre

Konrad heiratet 1920 und auch Willi heiratet am 03. 01.1920 seine Elisabeth, eine geborene Gauss aus Stuttgart. Gustl schreibt: „Erhielt die Tage von meinem Bruder Willy einen Brief, dass sie sich beide in ihrem Ehe­stand sehr wohlfühlen und dass ich herzlichst eingeladen bin.“

Von Gustl wissen wir ja, dass er zumindest das komplette Jahr 1920 in ganz Bayern unterwegs war, um mit dem Verkauf von Kommunionskleidchen und Zubehör Geld zu verdienen.

1922 gibt es neben seiner Unterschrift einen Stempel mit: „Werkstättenkunst München, Lindwurmstraße 17“, also ist Gustl vielleicht immer noch als Dekorateur unterwegs. Allerdings ist das auch die Adresse der Galerie Gauss ab 1919, wie mir gerade auffällt. Es sieht so aus, als hätten Gustl, Willi und der Otto Wilhelm Gauss zusammengewirkt in diesen Jahren. (Dass sie alle irgendwie die gleichen Namen haben, dafür kann ich nix, das muss jetzt mal gesagt werden…)

Dann gibt es die verschiedensten Gewerbe-An- und Abmeldungen. Einmal eröffnet Elisabeth ein Gewerbe zum Versand von Kur-(Mineral-) und Tafelwasser, Willi vertreibt Textilwaren von Januar 1925 bis September 1926, vorher versucht er, sein Geld mit dem Export von gebrauchten Schreibmaschinen zu verdienen, in die Schweiz übrigens. Nichts davon scheint von Dauer gewesen zu sein, aber wunderschön sind seine Entwürfe für Werbeplakate.

Im Laufe der 20er Jahre eröffnet Gustl dann das erste Geschäft: Einen Schuhladen in der Wohnung der Schwiegermutter in der Schießstättstraße 12.

Fenster Schießstättstraße 12 – August Weidemann – Sämtliche Schuhwaren
Muntere Luise im SchuhLager

Ich glaube, sie sind sehr stolz gewesen auf ihr Geschäft.

Das Bild zeigt meine Oma Luisl in der Mitte, rechts Gustl, etwas zweifelnd. Ganz links, das müsste Anna sein, Luisl Mutter und zwischen ihnen steht wohl der kommunistische Herr Lürtzing. Sehe ich da außer den Schuhschachteln auch Hüte?

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