Es war einmal ein Apotheker

Es gibt nicht nur die Willy-Schachtel, aus der ich die Unterlagen, das Tagebuch, Gedichte und Geschichten habe, nein, es gibt auch eine Willy-Mappe, in der seine Skizzen, Malereien und Entwürfe versammelt sind.

Auf zumeist vergilbtem Papier finden sich hier nackte Schönheiten, dünn und schmal oder dicker, Skizzen zu Geschichten, die nicht vollendet wurden, zarte Mädchenköpfe und wüste Herrengesichter, Märchenszenen, Entwürfe zu heute mehr oder weniger unbekannten Theaterstücken, erste Ideen für Werbeplakate, ein buntes Sammelsurium; Hier fühle ich in der bunten Fülle die Verwandtschaft ganz deutlich.

Als erstes fiel mir dieses Bild auf. Mit überlangem spitzen Finger tippt der Apotheker in seine Registrierkasse, den linken Arm hinter dem Rücken versteckt. Das Gesicht ist prägnant bis zur Karikatur mit spitzer Nase, großflächige Glatze im Wechsel mit dunklen Wuschellocken auf dem Schädel und ein Kneifer, der ihn zwingt naserümpfend von oben herab auf die Tasten der Kasse zu blicken.

Der Text lautet: „Es war einmal ein Apotheker. Der stand von früh bis spät hinter seiner Ladenkasse.“ Unten am Bildrand sieht man das Schild an der Türe, das bestätigt: „Der hintere Eingang ist hinten —>“

Dann haben wir noch eine andere Szene: Der uns nun schon bekannte Apotheker steht mit verschränkten Armen an seiner Tür und beobachtet hinter Glas zwei Herren vor seinem Schaufenster: Ein spindeldünner älterer Herr im langen schmalen Mantel nimmt grade Anlauf, mit Getöse in sein überdimensioniertes Taschentuch hineinzuschnauben, sein Begleiter, auch ein vollbärtiger älterer Herr, steht ihm mit besorgtem Blick zur Seite. Ist das die nächste Szene der Geschichte?

In einer anderen Skizze des Apothekers an seiner Türe sieht man Werbung in seinem Schaufenster für „Pilulae Zwetschkensis“, kleine, gut versteckte Feinheiten.

Noch ein Stückchen der Geschichte finde ich auf einem Zettel: „Da passierte es einmal, dass eines Abends, als er schon zugemacht hatte, die Nachtglocke ging. Nun lief er die Treppe hinunter und sah zum Guckfenster hinaus. Da stand ein ganz alter Mann draussen, mit einem Kahlkopf und einem ganz langen weißen Bart, und wollte ein recht kräftiges Mittel, denn es war ihm grade übel geworden. ‚Ja – ‚ sagte der Apotheker, ‚dafür gibt es nichts Besseres, als einen Bitteren‘ und er brachte ihm sogleich ein gestrichenes Glas voll.“ Hm, Ähnlichkeiten gibt es zur Szene, aber es passt nicht wirklich. Diese Unstimmigkeiten kommen mir auch bekannt vor! Wenn ich ein Bild malen will, das ich vor meinem inneren Auge habe, kommt auch immer was anderes dabei raus…

Hier links haben wir allerdings eine Variante, die dem Text entsprechen könnte: Der Apotheker, eher im Morgenmantel als im weißen Kittel (wie er vorhin an der Kasse zu sehen war), beugt sich aus dem Fensterchen zu einem kleinen Kerlchen mit ziemlicher Glatze und Rauschebart und hat ihm wohl ein Gläschen vom „Bitteren“ gereicht. In der Mitte haben wir wieder die 3 Gestalten von vorhin und der, der dem Schnupfenden beiseite gestanden war, steht nun da und zupft mit spitzem Finger am Schneuztuch, während er für die bessere Sicht über den Brillenrand lugt. Der Apotheker wirbt jetzt für Kamillentee, hält allerdings mit erhobenen Zeigefinger das Preisschildchen hoch anstatt eine dampfende Tasse Tee zu reichen. Und rechts dann eine Variation auf den Apotheker am Mörser, wie auch auf dem linken Bild von einem schrulligen Knauser verwandelt in eine fast entmenschlichte Gestalt. Man stellt ihn sich vor mit fahler Haut, im Gesicht und auch auf der glattpolierten Glatze.

Man kann Willi hier dabei zusehen, wie er die Geschichte entwickelt, neue Ideen hat, alte verwirft und wieder hervorholt und malerisch und schreiberisch versucht, eine Entwicklung zu finden.

Und was ist das jetzt? Da steht wieder unser Apotheker mit einem Stössel in der Hand und neben ihm der Mörser in einer klassischen Form. Das Blatt aber wird beherrscht von der Figur eines hageren Glatzköpfigen in einem Umhang. Die wenigen übriggebliebenen Haare stehen ab wie Kükenfedern, unter der großen Nase ein weißer Rauschebart. Mit dem rechten Zeigefinger zeigt er in die Mitte eines Blattes oder Bogen Papiers, in der linken Hand hält er eine Feder an seine Schulter, an der andere Utensilien versammelt sind: Ein Damenschuh (Willis Lieblingsschuhe, wie viele andere Frauenbilder zeigen und mich an die Ausstattung der Damen in einem klassischen Western-Saloon erinnern; oder – Willis Phantasien wahrscheinlich näher: Im Pigalle in Paris) und eine Art Fuchsfell, die anderen Gegenstände kann ich nicht entziffern. Das könnte eine Variante des Apothekers sein oder aber auch ein Bruder des Dürren mit dem Riesenschneuztuch. Wer hat sich hier verwandelt? In was hat er sich verwandelt? Ein Eremit, der in die Geschichte hineingewandelt ist und mit dem Finger auf etwas zeigt, dass wir lesen oder verstehen sollen? Ein asiatischer Zauberer, der uns einen Apotheker-Trank mischen will mit den rätselhaften Ingredienzen, die er über der Schulter hat?

So viele Richtungen, in die die Handlung sich entspinnen könnte und entweder hat sich nichts davon herauskristallisiert oder es hat nicht den Weg in eine der überlieferten Schachteln oder Mappen gefunden…

Aber da ist er ja nochmal, unser Apotheker, und steht auf der Milchstraße, die im Hintergrund zum Mond führt. Neben ihm ein Chinese, der so kurz und dick ist wie der Apotheker lang und dürr. In seiner Kitteltasche ist ein großer Plan zusammengerollt und der klassisch gekleidete Chinese mit dem straff gebundenen, ellenlangen Zopf blickt mit ihm gemeinsam auf die weit entfernte Erde, die bis auf eine schmale Sichel im Schatten der Sonne liegt. Nachdenklich stehen sie beide da, der Apotheker hat mit frierend hochgezogenen Schultern und verschränkten Armen den Blick nachdenklich gesenkt. Kein Happy End, so einsam weit entfernt von allem im Weltall gestrandet. Keine zauberhafte Szene aus Peterchens Mondfahrt, aber immerhin den schnaubenden alten Herren und der Registrierkasse entronnen.

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