Willi Weidemann – Karneval im Grosshirn

Karneval im Grossgehirn.

Der Hemmungsregistrator rutschte emsig und wackelig auf den Schleimhäuten des Grossgehirns dahin. Er war nicht unbedingt zufrieden mit seiner jetzigen Tätigkeit. In dieses Künstlerhirn war schwer Ordnung bringen. Wahrhaftig ein Skandal, wir sich die Gedanken aufführten. In der praktischen Abteilung ging es ja noch an. Die war schlecht besetzt und verhältnismässig ruhig. Aber im Phantasiebezirk und in der Farbenrotunde ging’s toll zu…. Tag- und Nachunterschiede kannte die Gesellschaft überhaupt nicht mehr. Drei Jahrzehnte war er jetzt hier tätig und die Aussichten auf Beförderung wurden immer schlechter. – – – Tja .. das war doch etwas anderes früher, als er noch in dem Ministergehirn funktionierte. Allerdings man musste zugeben, dass es überhaupt nur halb so klein war, wie dieses verrückte Exemplar. Und die paar Gedanken waren alle so schüchtern, beinahe gar zu lahm und schwachlebig. Na ja … es gibt eben kein vollkommenes Hirn. Immerhin war es tausendmal besser, als dieser Ameisenhaufen. Nun, heute herrschte schon seit Stunden eine Ruhe, wie schon lange nicht mehr. Die paar Jourhabenden, die mit ihren Phosphorlampen an den Nervenfaserkreuzungen standen, brachten kaum ein anständiges Dämmerlicht zustande – – – die reine Finsternis war das und man musste schauderhaft aufpassen, dass man seine Hemmungswürde nicht verlor und lächerlich ausrutschte. Während der Registrator noch sann, begannen plötzlich die Ganglienlämpchen wie irrsinnig zu flackern, immer heftiger wurde es und nach einigen Secunden, wie mit einem Schlag, öffneten sich alle die unzähligen Ganglienfenster und, was noch nie vorgekommen war, die Insassen sprangen leichtfertig heraus und drückten die leeren Hüllen zusammen. Und wie sie aussahen. Aus abgelegten Ideen hatten sie sich abenteuerliche Kostüme zurecht gemacht. Ein Ganglienmädchen trug eine phantastische Weltanschauung, die nur bis zum Nabel reichte und ihr hübsches, kokettes Bonbonhütchen war nichts, als eine tote abgestossene Erinnerungszelle.

            Der Faktor raste höllisch, über diese Aufführung, aber kein Gedanke scherte sich um ihn, vielmehr packte ihn ein riesiger Verdrängungscomplex, der sich, von oben bis unten bluttupfenübersät, als Fliegenschwamm maskiert hatte, mit hartem Griff und schleuderte ihn erbarmungslos durch die Rachenhöhle in den Sumpf der Unterbewusstheit.

Inzwischen hatte sich einer zum Ganglionenführer erklärt, sprang auf einen zuckenden Nervenvorspung und rief: „Auf – – weckt die Brüder von der grauen Rinde . . . jemand soll auch ins Kleingehirn hinter und die niederen Instinkte aufstöbern . . . dann öffnet das Rachenventil und lasst Alkoholdämpfe herein.“ Er konnte nicht weiter sprechen, denn im selben Moment begann die Musik. Diese Geschichte mit der Musik war eine ganz hervorragende Idee, wie sie nur einem aus den Geniekammern einfallen konnte. Gefahrenumdräut und mühevoll war er durch das Labyrinthwasser der Gehörkanäle geschwommen und hatte vorsichtig eine Gehörtrommel ausgehängt, die er nun als eine Art Membrane verwendete. Durch eine gestohlene Nervenfaser hatte man sie mit der musikalischen Memorialabteilung verbunden und sobald man sie in eine Erinnerungsritze steckte, übertrug der gereizte Nerv seine musikalische Erregung und das Konzert begann.

Die schlechten Instinkte rasten herein. Von oben bis unten mit grauer Gehirnrinde bestrichten, sahen sie aus, wie halbgebleichte Aschantineger. Sie führten sich überdies dermassen gräulich auf, dass man sich allgemein empörte. Auch die beiden abgebrühten Weichensteller vom Rückenmarkszentrum benahmen sich unglaublich rüpelhaft, aber das waren noch die reinen Lämmer gegen die libido sexualis, die sich geradezu brutal und in ganz unverblümter Haltung auf die männliche Jugend stürzte. Doch sie geriet gleich zu Anfang ihrer schamlosen Versuche in eine missliche Situation. Voller Gier ergatterte sie sich einen anscheinend ausserordentlich hübschen Jungen, der, als Götterfunke verkleidet, ihr jedoch ganz und gar ungöttlich zu Willen war. Sie wollte schon von diesem Sieg lebenshungrig zum nächsten, doch der göttliche Funke liess nicht mit sich spassen. Von gigantischer Eifersucht, begann er in der Verzweiflung tätlich zu werden und im Handgemenge riss ihm das wüste Frauenzimmer die Maske herunter. Da stellte sich denn heraus, dass der göttliche Funke ein uralter ausgewachsener Neidhammel aus dem Kleingehirn war. Er zeigte ein höllisch gemeines, quittengelbes Gesicht und rannt wutbebend zum Rachenventil, um sich den Alkoholdämpfen zu ergeben. Da sassen auch schon die Aschanti und liessen quietschvergnügt und bis oben voll die Beine in die Höhle hinunterbaumeln.

In den Grosshirnräumen wurde es einstweilen immer fideler. Bis auf einige Wenige war die Gesellschaft nun vollzählig. Sogar die gesamten verdrängten Ideen aus dem Unterbewusstsein und die paar mageren Einfälle aus der praktischen Versuchsabteilung waren erscheinen.

            Von der Zirbeldrüse hingen zwei Hirngespinste als Spanier verkleidet kopfabwärts. Sie erklärten eintönig, die Zirbeldrüse sei das übersinnliche Auge und verlangten hartnäckig allgemeine Anerkennung. Man tat ihnen den Wunsch, nur um ihr monotones Gejammer los zu sein.

Ein einfältiger Gedanke hatte sich mit Gehirnschmalz beschmiert und jedermann blieb ihm drei Schritte vom Leibe oder hielt sich die Nase zu, wenn er in seine Nähe kam.

            Der Schönheitssing hatte sich aus einem Stück blutrotgeäderter Hirnhaut eine prachtvolle, orientalische Tunika angefertigt und wandelte darin mit wiegenden grossartigen Schritten umher, während er die Millionenhaufen der Ganglienknoten und Knotinnen in rythmisch geordnete Reihen einteilte. Aber gleich nach ihm schlich die Schlamperei einher und brachte Verwirrung und Auflösung in die Reihen, sodass kein vernünftiger Tanz zustanda kam; vielmehr wurde auf allen Plätzen, wo man sich überhaupt nur drehen konnte, übermütig und sinnlos getanzt.

            Der Profitgeist raste wie besessen umher. Er hatte der Zirbeldrüse ein Stück Haut abgerissen, daraus einen Schlauch gefertigt und mit Alkoholdunst gefüllt. Davon liess er die Ganglienmädchen und die jüngeren Weiber von der grauen Rinde riechen. Für jede Nase voll verlangte er einen Kuss oder eine Tanztour. Doch er verzeichnete keine grossen Erfolge; ebenso beschränkt, als habgierig hatte er sich in seinem Unverstand als galizischer Rosshändler markiert. Die Frauen hätten ja wohl Sinn für den geschäftstüchtigen Mann gehabt, aber zum Vergnügen und renommieren waren ihnen die prächtigen Spanier und Prinzen lieber.

            Die Krone der Überraschung bot ein Drehwurm, der überspannt und eingebildet dahertänzelte und sich lästerlich viel auf seine Grösse einbildete. Er walzte geradenwegs auf die Naivität zu; ein grosses, gut entwickeltes Frauenzimmer, das in diesem Gehirn üppig gedieh. Sie brach in ein tosendes Gelächter aus: „Nun schau einer! – – der Herr Drehwurm . . . wie kommen denn sie in unser Hirn? Sie treten doch für gewöhnlich nur in Schafshirnen auf.“

Der Wurm krümmte sich, verzog sein finniges Gesicht in vornehme Falten und erklärte, leicht verletzt:

 „Sie irren in meinem Fall; gnädigste Naive. Mein Name ist coenurus cerebralis – – – a propos! Dürfte ich Sie um einen Dreher bitte; ich kenne leider die anderen Tänze nicht.“ Damit verriet er, dass er geschwindelt hatte und doch nur ein gemeiner Drehwurm war. Aber die Naive fühlte sich geschmeichelt, von einem Tänzer mit einem derart vornehmen Namen geführt zu werden und willigte ein.

Das Balltreiben war nun in vollster Entfaltung; gewissermassen auf dem Höhepunkt. Die Gedanken und Ideen führten sich auf, wie in einem Tobsuchtsgehirn. Die Ganglienmädchen balgten sich kichernd und vergnügt kreischend mit jungen und alten Knoten in heimlichen Gehirnwindungen umher.

Die Veränderungssucht sass in der Kammer der beiden Weichensteller von der Nervenzentrale und verstellte aus purer Sensation sämtliche Ordnungssignale und Gewohnheitsgeleise.

Der Gerechtigkeitssinn trieb sich bei den gemeinen Begierden im Kleingehirn umher.

Die Eigenliebe drang sogar bis zu den Nasenlöchern vor und spielte dort mit der Moral und einigen Farbenreibern aus der Farbenrotunde Räuber und Gendarm.

Raungunterschiede waren vollkommen verschwunden, soziale Gegensätze wie weggeblasen, niemand war da wo er hingehört hätte. Es herrschte ein chaotischer Tumult, auf offenen Plätzen und in den verstecktesten winkeln.

In dieses Gewimmel hinein zuckte plötzlich heftig und bedrohlich ein Phosphorsignal aus den Vernunftzellen. Zu Anfang unbeachtet, wurde es immer stärker.

Gleichzeitig tauchte aus einem unterirdischen Krater in der Stirnhöhle, unheimlich und würdig langsam, ein riesiger Watteballen empor, der auf einer stark glitzernden Stange schwebte. Er wedelte einige Male gespenstisch hin und her, strich zärtlich an den Höhlenwänden herum blieb dann einige Secunden regungslos, während er einen abscheulichen Gestank verbreitete, vor dem alles panisch entfloh und versank dann wieder in den Krater, ebenso sinnlos und geheimnisvoll würdig wie er daraus emporgewachsen war.

Währenddessen kauert die Vernunft im Gehörgange und badete sich die tanzwunden Füsse im Labyrinthwasser. Sie begann plötzlich furchtbar zu lachen, als sie durch das Ohr von dem der Genieblitz die Trommel ausgehängt hatte, eine fade, pedantische Stimme höre:

„Ja .. hm … verehrtester. Wie es scheint, haben sie da einen Stirnhöhlenkatharr von ganz teuflischem Umfang.“

gez. Niels Weyden

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