Das große Finale

Das Ende der Therapie war durch die Vorgabe der Krankenkasse bestimmt, die nicht mehr als 300 Stunden Therapie bezahlt, auch im Falle einer Psychoanalyse, die alleine durch das Setting von 3 bis 4 Stunden pro Woche einen hohen Verschleiß an Stunden aufweist. Ich hätte natürlich weitere Stunden nehmen können und sie selbst bezahlen, wollte diesen von außen gesetzten Termin als Grenze nehmen, die ich selbst zu setzen mich nicht in der Lage sah. So waren die letzten Wochen geprägt von einem sich beschleunigenden Zieleinlauf mit einer langen Stadionrunde am Ende des Marathons. Nur war das Stadion ein schillerndes Zirkusrund.

Kurz vor der Sitzung sehe ich meinen Dr. Sigismund vor mir, wie er in einem Overall aus bunt-glänzenden Streifen mit Pluderhosen im Schneidersitz auf der Ecke seines Teppichs sitzt, bereit loszufliegen, wenn die Therapie vorbei ist. Aber bis dahin?

Ich erzähle ihm das und prompt sehe ich ihn die Trommel schlagend in eine Manege einlaufen, hinter sich die Schar der Artisten, die fürs Finale der Analyse noch einmal sich im Rund versammeln. Oben spielt das Orchester mit einer vordringlichen Trompete, daneben könnte mein Platz sein, mit Schwung das Saxofon trötend. Aber erst muss ich meinen Platz finden in Sigismunds Patient*innen-Schlange, da bin ich auch, vor mir eine schöne, schwarze, schlanke Frau in glänzender Lack-Montur und silbrigem Glitzer. Die hat die Pferde-Nummer gemacht, denke ich mir, wunderschöne stolze Friesen-Rappen mit langen, fein-fliegend gebürsteten Mähnen. Nein, erst noch muss ich von der Schaukel runterkommen, auf der ich sitze und mir das von oben anschaue, links ans Seil gelehnt, die Beine an den Knöcheln verhakt. Das bunte Gewand und pompöse Getrommel steht dem Sigismund nicht und da zieht er sich zurück an die Geländerstange, die uns Artistenvolk vom Publikum trennt, stützt sich lässig drauf und trägt jetzt des Zirkusdirektors Kluft mit schwarzem Smoking und einem Zylinder. Das ist der „Chapeau“, der Hut, den meine beste Freundin vor ihm gezogen hat.

Und ich setze mich im Schneidersitz in die Sägespäne, spiele gedankenverloren mit den Fingern drin rum, wartend auf die beiden, mit denen ich das Kleeblatt vollenden kann. Wer kann das sein? Meine Mutter und meine Schwester – natürlich. Aber es ist die ruhige, schwarzfreundliche Mutter, die sich in letzter Zeit gerne in meinem Zwischenreich herumtreibt und Eva ziert sich, will bei „so einem Quatsch“ nicht mitmachen und setzt sich dann doch dazu. Das bin ich, ich die Schwester die Frau, die auch mal sticheln kann und die Mutter die Mutter. Aus dem Kleeblatt wird eine Art hellblaues Aufblas-Plantschbecken und es fängt an, zu schweben.

Wir drei nehmen uns bei den Armen und bilden einen Ring, der uns sichert. Jetzt verwandelt sich das Becken in eine, nur an einem Haken aufgehängte Hängematte und ich bin alleine übrig, schwinge in einem weiten Kreis fast übers Publikum hinweg.

Jedes Mal, wenn ich beim Sigismund vorbeikomme, muss ich die Füße anheben oder wegdrehen, damit ich ihm nicht den Zylinder vom Kopf wehe. Die Hängematte verwandelt sich im Schwung in das schöne große Kettenkarussell auf der Mess und ich genieße den Flug ohne Angst, dass die Ketten reißen könnten. Ich hätte den Sigismund gerne dabei im Karussell, ob er das macht? Da sehe ich ihn schon, schräg hinter mir, eine Bahn weiter außen sozusagen wedelt er vergnügt mit seinem Zylinder, den er in der Hand hält, damit der Wind ihm um den Kopf wehen kann.

Dann ist die Sitzung zu Ende und als er die Laptop-Kamera anschaltet, damit ich ihn zum verabschieden sehen kann, muss ich mich doch kurz versichern, dass er nicht in Wirklichkeit einen Chapeau aufhat.

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