Die Raben

Es läutet an der Haustüre. Micha und ich waren eben dabei, an der Holzdecke im Wohnzimmer an irgendwelchen Bohrlöchern herumzuschleifen, ich gehe zur Türe, um sie zu öffnen, es ist die Münchner Türe, da steht eine Frau – Zeugin Jehova oder so? – und wirft ein Netz über mich, schwarzes Plastik, wie ein Zwiebelnetz in Trauer. Ich reagiere in Sekundenschnelle – wenn ich mich nicht verhake, kann ich es abstreifen – und es ist doch eine Hexe. Das Netz schrumpft, am Ende liegt es auf meinem Kopf wie eine Haarspange, nur ohne Spange.

Da steht Dr. Sigismund an der Türe, in gewohnter Vermeidung aller Privatheit will er nicht über die Schwelle treten und beugt sich übers hellgelbe Linoleum, um mir die Karte mit meinem Aquarell seines Affen-Gürteltier-Flügel-Fabelwesens zurückzugeben, diese Grenze des Austauschs greifbarer Dinge darf nicht überschritten werden (ich durfte das Tier nicht mal in die Hände nehmen, was wäre gewesen, wenn ich feinfühliges Wesen einfach zugegriffen und nicht gefragt hätte?)

Ich will die Karte, plötzlich DINA3 groß, entgegennehmen, aber die Hexe stört mich, schräg hinter mir ist Micha, was jetzt zuerst? Da wandelt sich Dr. Sigismund in einen Raben und kann jetzt über die Schwelle (vorher war er als Mensch noch ganz winzig klein). Er hat die Karte im Schnabel, ich nehme sie ihm ab und er stupft mich an, direkt unterm Schlüsselbein, die Stelle, an der die Krebsmädels den Port sitzen haben. Er will mir was mitteilen, mich auf was stupfen, und ich versteh’s nicht. Ich weiß aber nicht, was machen, in der Essecke stehen die Torten und Kuchen, auf der Terrasse ist alles gedeckt, der Geburtstag kann losgehen, die Gäste können kommen und ich steh‘ da und habe einen überdimensionierten Raben an der Backe. Da verwandle ich mich auch in einen Raben und stupfe zurück, da schnäbeln wir ein bisschen und dann ist Frieden. Anscheinend ist’s jetzt gut.

Dann kommt ein winziges Eisenbahnwägelchen, wie das auf der Mannemer Mess mit 2 Waggons, auf jedem ein Plastikaufbewahrungsteil mit 4 Fächern, aus einem steigt eine Frau, dunkelhaarig, weich, ruhig, könnte meine Mutter sein, wenn sie nicht so warm, ruhig und weich wäre („Vielleicht die Mutter, die Sie sich gewünscht hätten, Frau Bacher?“). Keine Rabenmutter mehr nötig, wenn ich echte Raben haben kann.

Und dann sitze ich in seiner Praxis hinter der Türe im Schneidersitz auf dem staubigen Boden, im Rücken stört mich der Regenschirmständer und draußen vor der Balkontür stolziert der Rabe krächzend hin und her und macht Krach. Krächze-Krach. Der Rabe, der gestern noch ich war, bereit zum Abflug weg von der Therapie zu neuen Ufern, neue Prärien, der stolziert jetzt vor der Türe herum, will unbedingt bemerkt und gesehen werden, aber genau das darf um Himmels Willen nicht bemerkt werden.

Und dann regt sich Herr Sigismund in seiner Ecke, das fragile Spiel aus Drähten, Schnüren und fliegenden Kissen, das ich auf der Quadratur seines Orientteppichs aufgebaut hatte, liegt da wie ein am Abend verlassenes Spiel, über das in der Zwischenzeit eine Katze gejagt ist, es ist ihm nicht mehr im Weg, er kann zu mir reichen. Weiß gekleidet ist er und er reicht mir die Hand, hilft mir aufstehen, hilft mir raus aus der staubigen Ecke. Da stehe ich, kann mir den Staub aus den Kleidern schütteln und diese Szene enthält es komplett: Er hilft der vollkommen zerstörten, in einer verstaubten Ecke Verkrochenen auf die Beine und aus der Ecke, – weil genau das kann ich nicht alleine -, aber stehen, stehen kann ich dann alleine und dann bestaunen wir gemeinsam einen filigranen Mini-Raben, den ich in der Hand halte, auf ein ebenso kleines rosa Kissen mit schlecht vernähter Goldborte gebettet.

Und am nächsten Tag ist mein Sequel-Kater mit dabei in Dr. Sigismunds Praxisräumen. Erst stolziert er mit erhobenem Schwanz über den magischen Teppich, dann wagt er sich zum dunkelblauen Sigismund, der ihm freundlich die Hand hinhält. Die wird beschnuppert und dann angestupst. Nett und zugewandt ist er, der Sigismund, dem Kater gegenüber, obwohl mich das Gefühl beschlichen hatte, dass er eigentlich nicht hierhergehören würde. Am nächsten Tag hat er ihm einen der Weiden-Stühle hingestellt und da liegt der Kater eingerollt in der Ecke an der Balkontüre, friedlich schlafend an seinem Platz. Ich kann noch bleiben.

Aber heute, heute steht er dann auf halber Treppe abwärts und wartet, dass ich nachkomme und ihn unten rauslasse. Ich will aber noch nicht gehen, ich bin noch nicht so weit, das ganze Viechzeug hält mich von dem ab, was ich dem Sigismund noch zu sagen hätte.

Ich lass den Kater raus, der setzt sich beim bulgarischen Clan-Schlüsseldienst an die automatische Schiebetüre und ich gehe zurück zur Couch. All diese Bilder und Szenen und Raben und Katzen sind ja auch Dolmetscher des Unbewussten, aber jetzt muss ich zum Abschied doch noch ans Aufrechte, Direkte, Umweglose ran. Die Liste der neuen wunderschönen Steffi-Symptome, dich ich ihm verschwiegen hatte, weil sie sich wie schale Verteidigungsargumente der Analyse-Beendigung angehört haben, wollen jetzt erzählt werden, weil er ein Recht darauf hat, zu wissen, wie gut die Analyse bei mir gelingt.

Eine Woche später auf dem Weg zu Dr. Sigismund denk ich noch, ich hätte keine Lust mehr auf das ganze Getier, auf die Miniaturraben und mein Kater hat in der Praxis auch nichts zu suchen und dann beginnt die Sitzung und ich sehe meinen Sequel-Tiger wie eine edle ägyptische Katze an der automatischen Schlüsseldienst-Tür sitzen, die sich für ihn nicht öffnet. Aber er führt mich damit dorthin und für mich großen Menschen öffnet sich die Tür und mit den Schlüsseln, die ich jetzt mit Recht zurückverlange, sie sind nämlich meine, auch wenn er mir dafür ein paar läppische Papierscheine zurückgegeben hat, mit den Schlüsseln kann ich auf der rechten Seite um den Tresen rum und die Türe öffnen zu Sigismunds lichtem Treppenhaus. Wozu ist mir ein Rätsel, ich könnte ja auch an der Haustüre läuten, auf das Schnarren des holprigen Türöffners warten und am Schlüsseldienst vorbei direkt zu ihm gelangen. Aber vorbei an den schweigsamen, Zerberus-anmutenden, dunkel maskierten Schlüsseldienstmännern macht die Sache natürlich interessanter. Schon das zweite Mal höre ich, wie sich Dr. Sigismund das Prusten bei Erwähnung des Schlüsseldiensts kaum verkneifen kann.

Und dann wandelt sich der Schlüsseldienst zurück in Opa Augusts Pantoffelgeschäft. Eva und ich spielen mit den Stricknadelschonern und fabrizieren ein bisschen Unordnung in den schönen goldbraunen Schubladen, werden von Vati dabei erwischt, doch anstatt seines bösen Schweigens löst auch diese Szene sich in Theaterluft auf. Es war nur eine Inszenierung (für wen?) und wir lachen uns eins zu dritt und nehmen den Kunden, der hereingebimmelt kommt, in unsere heitere Runde mit auf.

Genau wie gestern, als der Sequel-Kater sich in eine Kater-Mikesch-Marionette verwandelt hat und als ich nicht ausmachen konnte, ob ich oder Dr. Sigismund jetzt die Fäden in die Hand nehmen sollte, lag er samt Fäden und Stückchen auf dem Haufen, den ich noch übrig hab‘ auf seinem wunderroten Teppich. Die Reste der Quadratkästchen, die in verschiedensten kaum erinnerbaren Alpträumen Werkzeuge meines gequält-werdens waren. Mal still und bürokratisch, mal mit verletzungsdrohendem Drahtgestänge. Und auch da werden die ganzen magischen Tiergestalten zu Theaterfiguren nach der Aufführung. Ich brauche sie nicht mehr.

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