Frau Noll und der fünfjährige Junge

Ich erinnere mich, dass Maria, das Nachbarskind, und ich Karten gespielt haben am Gartenzaun, jede auf ihrer Seite sitzend, weil wir uns gegenseitig nicht besuchen durften. Meine Mutter hatte es mir verboten, weil Marias Bruder behindert und ihre Mutter Spanierin war. Und sie durfte nicht zu mir, weil es bei uns einen tiefen Kellerschacht gab, der ungesichert war und das war zu gefährlich. Witzigerweise ist das der Lichtschacht, den meine Mutter im Alter von 83 Jahren heruntergestürzt ist, als sie abends im Dunklen schauen wollte, ob ihr Kellergast Diane Herrenbesuch hatte, aber das ist eine andere Geschichte. Maria und ich saßen also am Zaun, ein alter Holzzaun, bei dem praktischerweise schon einige Pfosten locker waren oder sogar fehlten. Mehr noch als das Karten spielen selbst gefiel uns die Tatsache, dass wir uns an die bescheuerten Regeln hielten, uns also auf der sicheren Seite befanden und trotzdem unsere Freundschaft aufrechterhielten. Maria lebte mit ihren Eltern in einer Miniwohnung über einer Kellergarage, ursprünglich vielleicht eine Werkstatt, später dann in einer für vier immer noch viel zu kleinen Wohnung im 1. Stock des Hauses – Haupthaus möchte man fast sagen – weiter hinten auf demselben Grundstück.  Dem Vater begegneten wir hauptsächlich im Sommer, wenn er im Garten sein dort aufgebocktes Boot lackierte, jedes Jahr eine neue Schicht eines sehr penetrant scharf riechenden Lacks, dunkelblau in meiner Erinnerung, in Wirklichkeit wohl weiß oder knallrot.

Das nächste Grundstück dahinter war ein großes Eckgrundstück, so verwildert und zugewachsen, dass man von der Straße aus kein Haus mehr erkennen konnte. Manchmal bahnten Maria und ich uns kleine Pfade durchs Dickicht, in unserer Vorstellung schlugen wir uns durch einen Urwald auf Wegen, die vorher kein Mensch begangen hatte (also war das mit den Verboten nur temporär oder unser Gehorsam nur temporär…). Die Aufgabe war es, dem Haus, in dem die alte Frau Noll alleine lebte, so nahe wie möglich zu kommen, ohne von ihr bemerkt zu werden. Wenn sie uns doch bemerkte, gab es großes Gezeter, wüste Beschimpfungen und Drohungen, aber ich erinnere mich nicht daran, dass es andere Folgen gehabt hätte. Keine elterlichen Standpauken, keine Besuche der Polizei oder ähnliches. Einmal drangen wir so weit in den Garten vor, dass wir die Straße ums Eck schon durchs Gestrüpp schimmern sehen konnten und entdeckten in der entferntesten Ecke ihres Geländes die Kellermauern eines weiteren Hauses, das wohl im Krieg zerstört worden war und das die alte Noll jetzt nutzte, um ihren Müll zu entsorgen. Offene Mülltüten, Schutt, Milchkartons. Ich erinnere mich nicht, dass es gestunken hätte, vielleicht sind wir doch nicht so nahegekommen?

Dieser Garten ist einer der ersten Orte meines Zwischenreichs.

Ich sehe einen starken Mann, der mit schweren Ketten an ein Hausdach gefesselt ist. Eines der großen Mietshäuser an einer breiten Chaussee in Paris, das oberste Stockwerk mit steilen, aber schon mit Schiefer gedeckten Wänden und er steht da mit nacktem, verschwitztem Oberkörper, so viel tätige Kraft durch schweres Eisen zur Nutzlosigkeit verdammt. Und ich denk noch, „das ist jetzt aber totaler Quatsch, was soll das nur bedeuten?“, da switcht das Bild, wie bei einem Schnitt im Film und es ist das Noll-Haus, Maria und ich streifen herum, den Blick immer auf die Haustüre, ob sich dort was regt. Im Gegensatz zu den Pariser Dächern ist der starke Mann jetzt an ein Dach gefesselt, das nicht begehbar ist. Keine Hilfe möglich, die einfach von einem Balkon aus hinkommen könnte. Jetzt schiebt sich eine hellblaue Schiebewand vor ihn, wie eine überdimensionierte Karteikarte, wir können ihn nicht mehr sehen. Die Türe zum Haus steht offen, es öffnet sich der Blick auf eine Treppe, Frau Noll steht links daneben, eine Hand auf dem Geländer, ihr Blick ganz ruhig auf uns gerichtet, abwartend, aber nicht unfreundlich. Sie hat einen Gast, auf der Treppe sitzt ein Junge. Das muss der fünfjährige Junge sein, von dem in der Zeitung stand, dass er vermisst wird. Der sitzt da aber ganz munter, die Hände auf den nackten Knien, bereit aufzustehen und zu uns zu kommen. Dann wieder ein Schnitt und wir stehen im Garten meines Elternhauses, da steht meine Mutter in einem riesigen schwarzen Umhang, unter dem der 5-jährige Junge ist, und sie ist dabei, ihn zu absorbieren, ihn über die Haut in ihren Bauch aufzusaugen. Sie ist die Hexe, nicht die alte Noll.

Der Sog der Hexe

Die Bilder drehen sich immer schneller, zwei kurze Schnitte: Ich im wunderschönen Dornröschen-Faschingskleid, das mit dem weißen, weich fallenden, bauschigen Rock und den aufgestickten Rosen, und dann Eva auf dem weißen, mit Rosenblättern bedeckten Totenbett in einem stillgelegten Krankenzimmer im Dritten Orden.

Diese Szene hielt mich ein paar Tage lang gefangen. Mittlerweile weiß ich, dass das bei diesen Szenen immer so ist, sie bleiben eine Zeitlang und verändern sich in den darauffolgenden Tagen oder bekommen eine Fortsetzung, mit der sie sich im besten Falle lösen.

Später sitzen Eva und ich im Wohnzimmer nebeneinander auf dem Sofa in Erwartung, dass Mama zurückkehrt. Wie wird sie wohl drauf sein, nachdem sie einen 5-jährigen absorbiert hat? Hat sie das befriedet? Ist sie satt? Wird sie uns verschonen? Unsere Gemeinsamkeit nimmt der Situation die Bedrohung. Wir fangen an, Karten zu spielen, mit einem doppelten Satz Canasta-Karten, so wie wir es früher oft gemacht haben. Mit den doppelten Karten kann man nur gewinnen und beim Kartenspielen mit Eva war das gemeinsame überdimensionierte Gewinnen essenziell. Unsere Lage verliert zusehends an Dramatik, wir sind beschäftigt. Wir sehen sie draußen auf der Terrasse herumlaufen, nicht nur durch die Glasfenster von uns getrennt, sondern auch wie in einem anderen Film. Ihr Bauch quält sie, sie ist unruhig, dreht und windet sich, brabbelt vor sich hin. Da kommt er wieder unter ihrem Rock hervor, ihr Bauch hat ihn wieder ausgespuckt, meinen fünfjährigen Jungen. Der ist unverdaulich und wird immer in meiner Nähe sein, wenn ich ihn brauche. Von der Küche her kommt sie zurück ins Wohnzimmer, fragt uns, ob wir was essen wollen, alles ganz normal, keine Hexe weit und breit. Obwohl wir alle sie gesehen haben und wir alle drei es wissen, tun wir gemeinsam so, als wär nix.

Ein Kommentar

  1. […] Letztes Jahr in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr – auch ein Zwischenreich! – gab es den alten Film sogar im Fernsehen und ich saß gebannt im Sessel, als die Schornsteinfeger in gewagten Sprüngen über die Dächer tanzten und sprangen. Es waren wohl die von London, aber ich sehe trotzdem den Eiffelturm im Hintergrund. So trifft es sich mit dem an ein Pariser Dach gefesselten Kerl aus meinem eigenen Film-Szenerien (hier nachzulesen: Frau Noll und der fünfjährige Junge). […]

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