Die Krebsdiagnose und der Schaschlik-Spieß

Dieses Bild hatte sich wenige Tage vor der Diagnose entwickelt. Die Hexe oben links in der Ecke – die kennen wir jetzt ja schon – pisste das schwarze Gift in eine Box, ähnlich diesen Holzkästen, in denen man als Geschicklichkeitsspiel eine Kugel in einem Labyrinth an Löchern vorbei navigieren musste. Von der Hexe aus floss die Schwärze langsam nach unten, vorbei an drei Balken, die aus schwarz-grauen Intarsienplättchen bestanden. An jedem Balken klärte sich das schwarze Gift zu immer heller werdendem Wasser. Die Balken standen für Wegmarken in der Therapie oder auf dem Weg zur Heilung, wie ich es gesehen hatte.

Der erste Balken war die Einsicht in die Verwundbarkeit und Sterblichkeit, die mich einige Tage der übergeschnappten Euphorie gekostet hatte. Ich hatte mir beim Versuch, meinen Schlafzimmervorhang von der Stinkwanzeninvasion zu befreien, den zweitkleinsten Zeh gebrochen und humpelte stolz mit einem schwarzen Schutzschuh herum, meine Wunde zeigend. Daraus war eine Sitzung über Unverwundbarkeit und Unsterblichkeit entstanden, nach der ich in einem beschwipsten Hochgefühl des wieso-sollte-ich-die-Unverwundbarkeit-aufgeben dahintrabte, bis der erwartete Zusammenbruch kam.

Der zweite Balken, nach dem das Wasser schon fast durchsichtig wurde, war die Schaschlikspieß-Szene, das „gruseligste aller Gruselbilder“ heißt es in meinem Tagebuch:

Ich bin in einer Art Laden in einer düsterbraunen abendlichen Straße im Berlin der Zwanziger Jahre – wieder einmal Babylon Berlin – und mit schnellen, professionellen Handgriffen führt ein sehniger tätowierter Mann eine Art gebogene Schaschlik-Spieß-Nadel durch meine diversen Nebenhöhlen. Kein Blut, kein Schmerz, aber am Ende ragt der Griff eines Schaschlik-Spießes senkrecht auf meiner Stirn. An der Decke des Ladens Metallschienen, an denen kleine Haken entlanglaufen, die mich zu totaler Bewegungslosigkeit verdammen würden, aber ich werde nicht drangehängt. Nur kann jetzt einfach jeder mich am Spieß packen und mich in absolute Starre verdammen, keinen Millimeter Bewegungsfreiheit dann und jeder kann es mir ansehen, dass er mich zur absolut hilflosen Marionette machen kann. Dann switcht es und ich sehe den Laden von außen, ich stehe da als einer der hunderten Statisten von Babylon Berlin im braunen Anzug, schemenhaft. Der Laden ist immer noch beleuchtet, aber der Täter ist nicht mehr zu sehen.

Und der dritte Balken sind „die großen schwarzen Schwingen, die mich umfangen halten, wenn ich Steinei-Panik habe“, um mich wieder selbst zu zitieren.

Jede dieser Szenen hatte sich angefühlt wie ein weiterer Schritt in Richtung Befreiung und Heilung, gerade weil sie eher düster und – ich muss mich wiederholen – gruselig waren. In diese Prozesse hinein erklärten sich die Pleura-Ergüsse, die der Kardiologe wenige Wochen zuvor als „abzuklärende Nebendiagnose“ entdeckt hatte als „bösartige Neubildung der Pleura“. Der Bösewicht war ein kleiner Knoten in der Brust.

Das konnte nicht sein. Es war 9 Monate her, dass meine psychische Krankheit zu einem Zusammenbruch auf der Arbeit und anschließender Krankschreibung geführt hatte und ich hatte gedacht, ich könnte die 9 Monate symbolisch als eine Heilungs-Schwangerschaft deuten. Und so war mein erster großer Aufschrei bei der Diagnose ein „Ich war nicht schnell genug!“. Ich war nicht schnell genug, weil das schwarze Böse sich schon in meinem Körper manifestiert hatte. Als hätte ich es aufhalten können….

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