Die brennende Schwanthalerstraße

Nur wenige Male ist es mir gelungen, meinen Vater über die Vergangenheit auszufragen. Einmal erzählte er, dass nach einem Luftangriff die Züge nur noch bis zum Ostbahnhof fuhren und er zu Fuß nach Hause gehen musste. Er war als 15-jähriger bei der FLAK und kam von einem Einsatz zurück. Er war durch die brennende Schwanthalerstraße gelaufen und berichtete davon, als wäre er Beobachter eines faszinierenden Naturschauspiels gewesen. Ich mochte diese abstrakte Zartheit, die ich in dieser Art des Berichtens spürte. Es konnte auch darum gehen, welche interessante Jagd eine unserer Katze grade wieder vor dem Wohnzimmerfenster zur Schau gestellt hatte. Erst jetzt habe ich verstanden, von welcher tödlichen Kälte dieser Bericht umweht ist: In der Schwanthalerstraße war unser erstes Textilwarengeschäft gewesen und meine beiden Großeltern hatten dort um die Ecke gelebt, bevor sie Anfang der 30er Jahre mit dem kleinen Otti, also meinem Vater, in den Karwinkel gezogen waren. Das war kein Vulkanausbruch, wie ich ihn heute vom Sofa aus im Fernsehen auf Phoenix sehe, das war ein naher, vertrauter Ort, dessen Zerstörung er da erlebt hatte.

Abspaltung heißt das wohl, was da mit ihm geschehen war und ich erkannte diese Art der Beschreibung wieder, als er mir vom wunderschönen Schimmern der Birke vor seinem Fenster auf einer Pflegestation im Altenheim berichtete, wo er nach seinem zweiten Schlaganfall untergebracht war, bis meine Mama ihn wieder nach Hause holte.

Ich habe mich oft danach gesehnt, diesen Beobachterstatus für mein gesamtes Leben erreichen zu können und war frustriert, wenn es mir nicht gelang, das gesamte Gefühlsgewimmel unter dem Deckel halten zu können, daran erinnere ich mich gut.

Mein Bild der Zerstörung sind die Fotos vom Abbruch des Karwinkel, die auch ihren Weg in mein Zwischenreich gefunden haben.

Bei Sigismund auf der Couch. Ich will ihm von der morgendlichen Szene mit den geklonten Herren in den hellgrauen Anzügen berichten, die sich am Eingang zum Karwinkel versammelt haben. Das Haus braucht fast die ganze Breite der Straßenfront und es geht nur ein schmaler Durchgang links an Omas Küchenfenster vorbei in den Garten. Dort bin ich und will an den grauen Herren, alle mein Vater in seiner Rolle als seriöser Hypo-Bank-Direktor, vorbei aus dem Garten raus auf die Straße. Unversehens verwandeln sie sich in einen Kreis aus mit Spitzen besetzten, dornigem, rostigem Metall mit einem Scharnier in der Mitte wie eine überdimensionierte Tierfalle, die jederzeit zuschnappen kann und ich kann mit einem Fahrrad nicht raus aus dem Münchner Garten und ohne Fahrrad kommt nicht in Frage.

Also drehe ich um und gehe zurück in den Garten. Eva sitzt am Teich und beachtet mich nicht, so wie damals, kurz nach ihrem Tod, als sie mich ihre Anwesenheit auf ihrem Bänkchen spüren ließ. Dann ist sie plötzlich nicht mehr da, die ganze Szenerie schrumpft zu Puppenhausgröße und ich kann damit spielen und die Figürchen rücken, dann wächst es ebenso plötzlich wieder zu realer Größe zurück.

In der Hütte finde ich einen sehr väterlichen, feuchten, dunklen Moosmann, der sich prompt in eine Räuber-Hotzenplotzsche Unke verwandelt. Dann stehe ich unvermittelt vor der Hoffmann (die Nachbarin, die seinerzeit angeblich ein Verhältnis mit Göring gehabt haben soll) ihrem dunkelrosa, im Zwielicht der Tannen verstecktem Hexenhaus, in das sie meine Freundin und mich locken will, wir trauen ihr aber nicht und gehen lieber zurück zur elterlichen Terrasse und trinken dort Kaffee und essen Kuchen im Sonnenschein.

Jetzt ist der Teich leer, der halb versenkte Swimmingpool ist im Abbau begriffen, das Haus zur Hälfte abgerissen, aber kein herumliegender Schutt, alles ist schon ordentlich sortiert nach Holz, Metall und Schutt. So treibe ich durch den Garten meiner Kindheit, bis Dr. Sigismund mich unterbricht und nach gefühlten 10 Minuten die Stunde für beendet erklärt.

Im eigenen Unbewussten spazieren gegangen. Ich torkele auf die Straße in die winterabendliche Dämmerung, bin so nah bei mir wie selten. Kurz vorm Drogeriemarkt laufen dann die Tränen einer wundersamen Erleichterung, die aus innerster Tiefe aufsteigt.

Abgerissen wird das Eltern- und Großelternhaus, trockengelegt der Garten, jetzt auch in mir, die ich der Wirklichkeit so lange hinterhergehinkt bin, jetzt kommt sie zu mir, auch auf anderen Ebenen, nicht nur im klugen Köpfchen, das immer übers Wasser gereckt wird. Ich bin überwältigt von diesem Geschehen, fasziniert, wie ihm der Boden bereitet wurde über Wochen des gefühlten Geplänkels, begleitet von meiner wachsenden Ungeduld und dann heute der kleine Moment, in dem sich die silberne Herrenrunde in den rostigen Kreis verwandelt und ich merke, dass da der Faden ist, an dem ich mich weiterhangeln kann durch alles, was dann aufsteigt und an diversen Ecken des Gartens aufblitzt, auf meine wache Aufmerksamkeit wartend und ich muss nur den Wegen folgen und dabei die Wegweiser nicht außer Acht lassen.

Nachtrag

Anderthalb Jahre später, längst der Psychoanalyse entlassen, wollte ich mich eines Morgens, nach langen Wochen auf der Kippe zu einem depressivem Schub, des Positiven besinnen und sah in meiner Hand eine goldgelbe Schale wachsen. Erst jetzt sehe ich die Ähnlichkeit mit der rostigen Falle und wie wundersam die Verwandlung sich darin ausdrückt.

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