Tante Liselotte in Amerika 1929

Meine Amerikafahrt 24. Juli bis 3. November 1929“ schreibt die 16-jährige Liselotte in flüssiger Schrift mit weißer Tinte auf die erste Seite ihres mit dunkelbraunem Papier gestalteten Fotoalbums.

Dampfer Deutschland

Zusammen mit ihrer Mutter Mathilde besteigt sie den Dampfer „Deutschland“, um den Atlantik nach New York zu überqueren, das Verzeichnis der Hamburg-Amerika-Linie listet die Mutter als 46-jährige Hausfrau, im Feld für Liselottes Beruf steht einfach „Haushalt“.

aus: Staatsarchiv Hamburg, Auswandererlisten VIII A1, S. 400

Die Überfahrt dauert vom 26. Juli bis 5. August 1929.

Cuxhaven, Passagiere gehen an Bord
Dampfer Deutschland 22.000 Tonnen

Das folgende Bild zeigt meine Tante auf einer Plattform zwischen einigen Kindern sitzend, die Beine seitlich abgewinkelt. Sie schaut lächelnd auf einen kleinen Jungen herunter. Gemeinsam vertreiben sie sich die Zeit, sie muss voller Erwartung gewesen sein, da können 11 Tage ganz schön lang sein. Ich mag dieses Bild von ihr sehr.

Ankunft in New York

Und dann, endlich, die Einfahrt in den Hafen von New York, vorbei an der Freiheitsstatue. Rechts oben der Pier der Hapag, vermutlich der Ort, an dem sie an Land gingen.

In der „Arrival List“ geben die beiden an, dass sie bei Mathildes Schwester unterkommen, ihr Name ist als H. O. Gauss angegeben und die Adresse: Brooklyn, NW. 483 Ocean Parkway. Hier fängt es übrigens an, entweder lächerlich oder beängstigend zu werden, wie die Namen in meinen Herkunftsfamilien sich wiederholen. Die Männer heißen August und Wilhelm, vielleicht auch noch Otto, die Frauen gerne Liselotte oder Marianne, aber dass jetzt die Tante meiner Mutter einen Herrn Gauss geheiratet hat, ebenso wie Großonkel Willi, also ein Verwandter der väterlichen Seite, eine Elisabeth Gauss heiratet, kann ich schwer integrieren.

New York

Von ihrem Aufenthalt in New York gibt es diese Serie von Fotografien, die uns in eine vergangene Zeit eintauchen lassen, wie es kaum ein Film könnte. Die Menschen wirken so lebendig, manche stehen rum, aber wenn sie sich bewegen, dann in moderner Schnelligkeit.

— Bilder können mit Mausklick vergrößert werden —-

Wir haben ein Bild, das vor dem Hotel Pennsylvania aufgenommen ist, und eines das einen Blick vom Hotel Pennsylvania aus zeigt; also vermute ich, dass sie während ihres New-York-Aufenthalts dort residierten. Es war am 25. Januar 1919 eröffnet worden, verfügte über 2200 Hotelzimmer mit Bad und war damals das größte Hotel der Welt.

Straßenbahnen, die ersten Ampeln, Frauen mit Hüten und vor allem die wunderbaren alten Autos, die damals ganz modern und chic waren.

Auf der nächsten Seite ihres Albums sticht das Foto einer Tankstelle heraus.

Dann wagen sie sich noch sowohl nach Little Italy als auch ins „Chinesische Viertel“, auch bekannt als Chinatown.

Sommerrunde am Greenwood Lake

Nach New York brechen Liselotte und Mutter Mathilde zu einer ersten Rundreise auf, eine typische Sommerferienreise. Die Stationen sind: Greenwood Lake, Lake Mohawk, Coxton Lake, Bear Mountain und am Ende Demarest, wieder nahe bei New York.

Diese Fotos zeigen exemplarisch, dass die beiden eigentlich auf jeder Station ihrer Reise immer von vielen Leuten umgeben waren. Sie verbrachten ihre Zeit bei großen Familien, oft mit kleinen Kindern, denen sich dann vor allem Mathilde annimmt. Liselotte sehen wir eher als einen typischen Teenager, mal mit Spaß bei der Sache, aber oft auch von der Übermacht der erwachsenen Personen genervt oder missmutig, vermutlich, weil sie fürs Foto genötigt wurde, etwas zu machen, was sie grade nicht wollte.

Philadelphia – Atlantic City – Washington

Von Demarest aus brechen sie zu einer weiteren Runde auf, diesmal Richtung Süden nach Philadelphia, Atlantic City und Washington, also nach dem Sommer auf dem Lande jetzt eine Städtetour, die dann in Scarsdale endet.

Von Atlantic City gibt es nur Fotos vor dem Marlborough-Blenheim Hotel, das von 1906 bis 1978 bestanden hat. Es wirkt, als wären sie nur für eine Übernachtung dort gewesen und schnell mal vors Hotel gegangen für ein paar „Selfies“, anscheinend bei windigem Wetter. Und dann noch eine kleine Spazierfahrt, Liselotte schreibt unter das Bild: „So läßt man sich auf dem „Boardwalk“ spazieren fahren!“.

In Washington werden die zentralen Sehenswürdigkeiten abgehakt: Kapitol, Weißes Haus, Kunsthalle. Ich gebe zu, dass ich den Überblick verloren habe, wer sich unten den großen Topfhüten verbirgt.

Es macht wehmütig, das Kapitol so offen zugänglich zu sehen.

Die zweite Runde endet in Scarsdale, wo Mathilde und Liselotte nochmal bei Bekannten oder Verwandten zu Besuch sind, Liselotte dokumentiert „Häuser im englischen Stil“

Rückreise nach Hamburg auf der „Resolute“

Die Rückreise, jetzt bei deutlich kühleren Temperaturen, gestaltete sich bestimmt entspannter. Vier Monate unterwegs in der „Neuen Welt“ muss schon eine nachhaltige Erfahrung für eine 16-Jährige gewesen sein, Befreiung von der Schule für so einen langen Zeitraum inklusive.

Jetzt auf dem Rückweg ist sogar Muße, die ruhige See ins Bild zu nehmen.

Und dann naht die Küste, der Hamburger Hafen mit einem unübersichtlichen Gewusel von Schiffen in allen Größen.

In Hamburg ist dann noch Zeit für ein bisschen Sightseeing.

Indianer

Die Reise ist zu Ende, nach einer langen Zeit sind sie wieder zurück im heimatlichen Deutschland. Das Album könnte zu Ende sein. Fast verschämt klebt Liselotte eine Reihe von Bildern aus Florida und Miami ein. Waren sie dort gewesen? Es wäre ein großer Abstecher gewesen auf ihren Runden, aber es sind doch selbst geschossene Fotos. Das Motiv sind Indianer in Tracht und daneben noch ein paar Fotos der „Tropischen Landschaft bei Miami“.

Heute sieht man, wie herabwürdigend und rassistisch Liselottes Perspektive war, ich möchte die Fotos aber trotzdem hier zeigen, weil sie den typischen kolonialistischen Blick dieser Zeit spiegeln.

Nachtrag – Wie konnten sie sich das leisten?

Nach all der Bilderflut blieb ich immer wieder an der Frage hängen, wie reich die Fattlers gewesen sein müssen, dass sie sich so eine Reise leisten konnten. Ich fing an, die Familiengeschichte zu recherchieren und bin auf mehr gestoßen als ich wissen wollte, um es flapsig zu sagen. Ich habe hier zusammengefasst, was ich gefunden habe: Liselotte und ihre Eltern August und Mathilde Fattler


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